2. Februar 2020

Privates

Mein Samstag mit Little Annie

By Guido Wehrle

Beste Freunde werden Little Annie und ich wohl nie werden. Vor zweieinhalb Jahren an einem Julitag, in einem durch den glutheißen Sommertag total überhitzten Seminarraum lernte ich Little Annie das erste Mal kennen.

Little Annie hat keine Arme und auch der Unterleib fehlt komplett. Sie spricht nicht und sie riecht ziemlich intensiv nach Kunststoff. Doch trotz dieser Handicaps beschäftigte sich jeder Seminarteilnehmer und jede Seminarteilnehmerin sehr intensiv mit Little Annie.

Gestern kam es dann zu einem Wiedersehen mit Annie. So richtig darauf gefreut habe ich mich allerdings nicht.

Mein Wiedersehen mit Little Annie

Ich konnte mich nicht mehr länger davor drücken. Die zweijährliche Ersthelferausbildung stand mal wieder auf der Agenda. Bis auf den letzten Drücker hinausgeschoben war dann Termin zum Erste Hilfe Kurs bei MAUS Karlsruhe in der Erbprinzenstraße. Für was das Kürzel MAUS bedeutet, weiß ich nicht. Wahrscheinlich irgendwas mit Medizin und Ausbildung. So wie ich das ergoogelt habe, werde ich es hier nachreichen.

Etwas missgelaunt machte ich mich auf den Weg zum Schulungsraum. Da dieser Ort nur etwa 1000 Meter von meiner Wohnung entfernt liegt, entschloss ich mich den Weg durch das regnerische Karlsruhe am ersten Februartag 2020 zu Fuß zurückzulegen.

Ich war absichtlich 20 Minuten vor Kursbeginn vor Ort um einen Platz möglichst weit weg vom Kursleiter zu ergattern. Der Plan ging gründlich schief. Diese Idee hatten andere auch. Im gebildeten Halbkreis waren nur noch Plätze am Ende des Kreises verfügbar, also in der Nähe der Kursleitung.

Ich grüßte freundlich in die Runde und habe die Dame, welche bereits an einer Teilnehmerin Sehtests vornahm, als vermeintliche Kursleiterin wahrgenommen. Diese grüßte auch freundlich zurück. Okay wenigstens die Referentin macht ja mal einen sehr sympathischen Eindruck.

Und kaum Platz genommen und einen Blick durch die Runde und den Raum geworfen, da habe ich sie auch schon liegen sehen. Unbekleidet auf einer Silbermatte - "Little Annie" - mein erstes Wiedersehen nach fast 1000 Tagen.

"Hallo ich bin Katalin ..."

Aha es geht los. Der Kurs beginnt. "Stört es jemand, wenn ich Euch duze" ... Ne du, stört nicht. Die überwiegende Mehrheit gehörte der U30 Generation an. Mit meinen 55 Jahren dürfte ich wohl der älteste Teilnehmer gewesen sein. Gut, keine Überraschung, etwas ein Drittel waren Fahranfänger und kurz vor ihrer Fahrprüfung. Das andere Drittel waren Mitarbeiterinnen eines Kindergartens in Weingarten, einem Ort nahe Karlsruhe. Das andere Drittel dann Leute, wie ich, die zur Auffrischung mussten. Aber die Stimmung war gut, die Gruppe hatte was, und auch Katalin, unsere Kursleiterin war sympathisch. Sie stellte sich als Jurastudentin aus Heidelberg vor und verdient sich bei MAUS wohl ein paar zusätzliche Euros dazu.

Mein Missmut legte sich etwas. Die Gruppe passt - also werden die nächsten 8 Stunden einigermaßen entspannt vorüber gehen. Und ich war mir sicher. Bestimmt eine Stunde davon werden wir uns mit Little Annie beschäftigen.

Katalin hat gleich zu Begin klar gestellt, dass jeder die Wiederbelebungsübungen mitmachen muss. Ansonsten gibt es das Zertifikat nicht. Konnte sie Gedanken lesen? Mein Plan war tatsächlich mich vor Little Annie zu drücken. Aber was soll es. Noch lag Annie friedlich am Boden und niemand wollte etwas von ihr.

Ich war mir sicher vor der Mittagspause stehen andere Lerninhalte auf der Agenda.

Es begann mit der Reihenfolge bei der ersten Hilfe:

  1. Sichern
  2. Prüfen
  3. 112 rufen
  4. Lagern
  5. Verbinden
  6.  Betreuen
  7. Temperatur regeln

Verbunden war das mit vielen praktischen Übungen. Überraschenderweise hatte ich auf einmal viel Spaß daran. Und überhaupt war die Stimmung toll. Es wurde viel gelacht und gefeixt. 

Dann war Mittagspause. Zeit für einen gemütlichen Kaffee und Zeit sich gedanklich auf Little Annie vorzubereiten.

Und endlich jetzt war Little Annie am Zug

Nach der Mittagspause war es dann wirklich endlich so weit. Die Herz-Lungen-Wiederbelebung stand auf dem Programm. Der große Einsatz von Little Annie. 

Katalin machte es vor. 30 mal drücken, zweimal pro Sekunde. 120 Beats per Minute. Dann einmal Beatmung durch den Mund. Nochmals 120 Beats per Minute und dann Beatmung durch die Nase.

Nun drücken konnte ich mich ja eh nicht, also habe ich mich schnell gemeldet und tatsächlich war ich Zweitschnellster. Zu den Klängen von "Atemlos durch die Nacht" durfte ich die Übungen durchführen. Ich war froh, dass Katalin nicht "Highway to Hell" ausgewählt hatte. Und tatsächlich nahm ich diesmal den intensiven Duft der Kunststoffe nicht wirklich wahr. Katalin hatte auch nichts auszusetzen. Ich durfte wieder Platz nehmen. Im Wissen, dass der Kurs jetzt eigentlich vorüber ist und ich Little Annie frühestens in zwei Jahren wiedersehen würde, machte sich jetzt doch Erleichterung breit.

Die anderen Teilnehmer waren noch gefühlt eine Stunde mit Annie beschäftigt. Und irgendwie war dann tatsächlich 17.30 Uhr. Der Kurs war zu Ende und Katalin händigte jedem sein Zertifikat aus.

Also bis dann mal in zwei Jahren. Vielen Dank an Katalin, die ein tollen Job machte und auch an alle in der Gruppe. So hat es echt Spaß gemacht!

Und Goodbye Little Annie!


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